Um in das effizienteste Radtraining einzusteigen ist ein Powermeter- bzw. Wattmesser-Kauf unausweichlich. Alleine nach Herzfrequenz zu trainieren ist weniger zielführend und weniger individuell angepasst an die eigene Leistung. Noch schlechter steht man da, wenn man einfach nur Kilometer zählt. Ob und welche Leistung man erbracht hat ist davon nahezu unmöglich abzuleiten. Um aber nachhaltig die Muskeln zu stimulieren und dabei genau die richtige Verausgabung zu treffen, damit die Muskeln weder unter- noch überfordert sind, ist eine Leistungsmessung der Kraft pro Zeit unausweichlich. Dabei sind die Kosten für diese Diagnose am Rad so günstig wie noch nie. Lest hier welche kostenlosen und günstigen Optionen es gibt. Ja! Zur Leistungsmessung ist mit ein paar Tricks ein Powermeter nicht mal Pflicht.

Vom Pedalieren zur Leistungsdiagnostik

Um Fit zu bleiben ist das Radfahren perfekt. Am besten zur Arbeit und zurück um Kilometer zu sammeln. Die Bewegung schadet der Fitness garantiert nicht. So fangen alle Radfahrer mal an, viele gehen dann auch weiter. Ein Rennrad oder sportlicheres Rad muss her, jetzt hat man Blut geleckt.

Man kann damit super Strecken zurücklegen und es macht irre Spaß! Im Geschwindigkeitsrausch auf Asphalt einen Berg runter. Ist auch Nervenkitzel. Doch irgendwann entwickelt sich die neue Fitness gar nicht weiter, da der Körper sich an die konstante Belastung adaptiert hat. Kilometer abfahren alleine ist kein großer Trainingsreiz, auch wenn man damit gut Kalorien verbrennen kann. Die Entwicklung geht meist in drei Schritten:

  1. Kilometer fahren: Man zählt die Kilometer und postet diese auf Strava und Co. Am besten misst man noch die Kilometer pro Saison um ein Größengefühl zu entwickeln. Das ist super und da spricht nichts dagegen. Die Messung der Kilometer kann jedes Handy und Smartwatch. Doch einen echten Trainingseffekt wird man nicht haben, da der Körper sehr schnell die bekannte Anforderung kennenlernt und dabei bleibt es.
  2. Puls messen: Ein Pulsmesser ist auch noch immer eine gute Möglichkeit fürs Training. Gerade um erste Intervalle und vielleicht die erste Struktur und Trainingsplan zu finden ist dieser Schritt ideal. Die Kosten für einen Pulsmesser sind sehr gering. Gleichzeitig kann man durchaus sagen, wo man auf seiner Leistungsschwelle ist und wie lange man in verschiedenen Zonen unterwegs war. So lässt sich der Trainingseffekt schon besser abschätzen. Das erste effiziente Training.
    Doch die Herzfrequenz hat auch einige Nachteile. Sie reagiert indirekt auf eine Belastung und kann kurze Intervalle nicht gut darstellen. Tritt man 30 Sek kräftig in die Pedale und 30 Sek nur ruhig, dann ist die Herzfrequenz eher ein durchgehender Schnitt der Leistung und die Spitzen können untergehen. Zudem ist der Puls auch abhängig von der Stresssituation, auch persönliche und emotionale Aspekte wirken auf die Zahl ein. Ein überholendes Auto mit 100km/h drückt auch den Puls.
  3. Leistungsmessung: Die harte Währung ist und bleibt in Watt. Die Leistung die Eure Muskeln tatsächlich auf die Pedale bringen. Jede Kurbelumdrehung kostet Kraft und auf den Watt genau kann man messen, was geleistet wurde. So kann ein Trainingsplan exakt auf eure Fitness und Leistung angepasst werden. Gleichzeitig weiß man auf hundertstel einer Sekunde genau, was auch effektiv davon abgerufen wurde. Ohne Wenn und Aber. So werden Intervalle genau so platziert, dass man möglichst viel Zeit unterhalb der Leistungsschwelle bleibt und die Muskeln genau richtig stimuliert. Je nach gewünschtem Trainingseffekt. Sprinter trainieren in anderen Bereichen als Kletterer oder Ausdauerfahrer.

So weit zur reinen Theorie. Noch nicht ganz überzeugt? Es ist schwer in wenigen Sätzen alle Vorteile von etwas zu erläutern, was andere in einem 400-seitigem Wälzer unternehmen. Aber dieses Buch hier fand ich besonders hilfreich und aufschlussreich: Wattmessung im Radsport und Triathlon von Hunter Allen, Dr. Andrew Coggan und Dr. Stephen McGregor.

Letzte Aktualisierung am 15.06.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Oder seid ihr schon Feuer und Flamme für das Thema? Und sucht den günstigsten Einstieg? Dann seid ihr hier genau richtig.

Einstieg in die Leistungsmessung – Ohne Kosten oder möglichst Kosteneffizient

Powermeter bzw. Leistungsmesser/Wattmesser haben eine lange Geschichte. Angefangen hatte alles mit Labortests, in den 90ern hatte man auf der Straße und im Wettkampf die Leistung gar nicht messen können. Nur im Labor konnten Profis sich einer genauen Leistungsdiagnostik unterziehen. Doch in dieser Zeit kamen auch schon die ersten Powermeter auf den Markt, die unter realen Bedingungen gemessen haben. So entwickelte sich der Markt für diese Geräte. Denkbar hoch war der Preis. Eine echte Einstiegshürde, denn diese Sensoren kosteten noch alleine so viel wie das beste komplette Rennrad auf dem Markt. Nach und nach sanken die Preise. Etwa seit 2010 wurde es für Amateure erschwinglich. Doch die Preise sind heute so günstig wie noch nie, gerade die letzten 4-5 Jahre haben einige Startups Produkte vorgestellt, die für alle Rennradfahrer die Hürde senken.

Aber auch heute kostet ein guter Leistungsmesser von Garmin über 1.000€ (die Rally Pedale für eine beidseitige Messung). Gleichzeitig gibt es vergleichbare Alternativen für 400€. Doch auch das ist kein Schnäppchen. Ich zeige euch ein paar Ideen, wie man ganz ohne oder mit noch geringeren Kosten zur Leistungsdiagnostik kommt. Ja, die gibt es tatsächlich.

Kostenlose Leistungsmessung

Radfahren auf der Rolle – wie wärs wenn die Statistik uns einfach sagt was wir an Kraft aufwenden?

Ok, das ist wirklich ein kleiner „Trick“. Denn man muss nicht zwangsläufig einen teuren Sensor am Rad verbauen, der die genaue Leistung misst. Es gibt statistische Modelle, die mit einfacheren Sensoren und Konstanten gefüttert werden. Um daraus eure Leistung ziemlich genau zu bewerten. Die Rede ist von der Rolle.

Genauer gesagt geht es um Rollentraining und Zwift, die Software um online in einer Community virtuell Runden zu drehen. Auf einer Rolle. Der Einstieg ist leicht: ein Zwift Account, eine einfache Rolle (die einfachsten Rollen reichen schon aus) und ein Kadenz- und Geschwindigkeitssensor.

Ja, man kann Zwift auch ganz ohne teures Equipment gut nutzen. Dazu gibt es hier einen eigenen Beitrag:

Das Beste: Ihr bekommt eine Leistungsmessung damit geschenkt. Diese wird anhand eines statischen (also unveränderten) Widerstands, der Umdrehung der Kurbeln und des Laufrads (Geschwindigkeitsmesser) berechnet. Der springende Punkt ist der statische Widerstand. Während man in der Realität mit Gegenwind, An- und Abstiegen, etc. konfrontiert wird ist der Rollenwiderstand immer gleich (für die Nutzung ohne aktivem Leistungsmesser). Das ermöglicht diese Schätzung. Und diese funktioniert (als in sich geschlossenes Modell) ganz fantastisch. Denn alle Ungenauigkeit ist dem System geschuldet, und da es sich nicht verändert, ist es in sich gekapselt präzise.

Klar ist, dass diese Leistungsdaten nicht mit Leistungsmessern mitspielen können. Müssen sie auch nicht. Ihr spielt Zwift ganz normal mit und könnt an Ausfahrten mit anderen Teilnehmen. Oder einen kompletten strukturierten Trainingsplan abarbeiten. Die Leistungsmessung erfolgt (sofern ihr nicht am Widerstand der Rolle spielt) immer gleich, müsst aber den FTP und alle Vergleichszahlen mit diesem System bestimmen. Ein FTP, der mit Leistungssensoren in der Realität gemessen wurde, ist mit diesem statistisch ermittelten FTP nicht vergleichbar. Er kann und wird um +/- 20% abweichen. Aber – und das ist extrem wichtig – in sich als System konstant sein.

Bedeutet am Beispiel erläutert Folgendes. Messt ihr mit dieser Methode 250 FTP als eure Funktionsleistungsschwelle, dann passt sich euer Training diesem Wert an. Ihr müsst in diesem System dann beispielsweise im Segment 80-90% der Leistung für 10 Minuten halten. Also 200-225 Watt. In sich geschlossen ist das System völlig ausreichend und korrekt. Nehmen wir an, dass diese Methode für euer Setup um knapp 10% zu tief geschätzt ist, dann wären die reellen Zahlen 275 FTP und 220-247,5 Watt. Alles geht um 10% hoch, aber bedeutet für die Arbeit am Ende das gleiche. Die absoluten Zahlen ändern sich, aber nicht die relativen Abstände. Solange der Referenzpunkt (FTP, in dem System ermittelt) korrekt eingestellt ist, sind die relativen Abstände präzise.

Der Einstieg in dieses System ist denkbar günstig:

  • eine Dumb-Roll (gebraucht ca 50€)
  • Ein Kadenz und Geschwindigkeitssensor (ca 50€ Neu)
  • Zwift Account (monatliches Abo)

Gut, das ist nicht jedermanns Sache. Manche mögen Statistik einfach nicht und zweifeln an der Methode, das sei jedem selbst überlassen. Vielleicht mag man „echte“ Zahlen lieber, sie sind dann auch mit der Leistung anderer Athleten vergleichbar. Also schauen wir mal auf die echten Leistungsmesser.

SRAM Rival AXS – Günstiger Wirds Nicht

Bildmaterial von SRAM.com

Unter dem Codenamen „Günstiger Wirds Nicht“ (hab ich mir ausgedacht) wurde scheinbar die komplett elektrische Schaltgruppe von SRAM entwickelt. Denn der Powermeter von Quarq (eine Tochter von SRAM) kann in der Kurbel einfach nachgerüstet werden. Und kostet Stand 2021 zur Ankündigung der Rival AXS ziemlich genau 250€. Günstiger hat noch kein etablierter Anbieter einen Powermeter auf den Markt gebracht. Von Startups und Kickstarter abgesehen ist das eine Kampfansage. Damit ist die Rival Gruppe die günstigste komplett elektrische Schaltgruppe im Mittelsegment (Vergleichbar mit Shimano 105).

Praktisch am Quarq AXS Powermeter ist, dass er optional ist. Und im Handumdrehen installiert und nachgerüstet wird. Die Kurbel oder Pedale müssen nicht demontiert werde. Stattdessen wird der Powermeter in die Spindel geschraubt. Schon ist der Sensor aktiv.

Wo viel Sonne scheint da muss es auch mal regnen. Die AXS hat nämlich auch so ihre Schwächen, denn irgendwo muss man ja Abstriche machen bei dem Preis. Erst Mal sei zu erwähnen, dass die Leistungsmessung nur linksseitig erfolgt. Um ein volles Bild zu bekommen wird die Leistung des linken Beins auf das rechte Bein übertragen. Häufig ist dieser Ansatz auch völlig in Ordnung. Wer aber etwas ungleich in der Links-/Rechts-Verteilung ist in den Beinen wird mit dieser Ungenauigkeit leben müssen. Dieser Ansatz der Hochrechnung ist gängige Praxis im Powermeter-Geschäft. Ob und wie schlimm diese Art der Schätzung und Hochrechnung ist hat einen eigenen Blogbeitrag verdient.

Unterm Strich ist die Leistungsmessung mit der Rival AXS mit dem Quarq Powermeter eine gute Idee für den Einstieg. Zu erwähnen wäre noch das Review von Ray aka DCRainmaker, die wohl größte Internet-Autorität zum Thema Powermeter: Rival AXS Review. Bei seinem Test hatte der AXS Powermeter einige Fehleinschätzungen und vielleicht war es ein Montagsmodell, aber ganz überzeugt war der Tester nicht.

Powermeter Nachrüsten – Stages und 4iiii Precision

Die einseitige Messung der Leistung ist meist die günstigste Option. Zwei Anbieter haben speziell dafür sehr gute Angebote zum Nachrüsten geschaffen. Deren Sensor wird in der linken Kurbel nachträglich verbaut. Beispielsweise nimmt man eine Shimano 105 Kurbel (links) und befestigt den Sensor an der Innenseite der Kurbel. Klingt einfach, ist aber leider nicht so trivial.

Montiert wird der Sensor vom Hersteller, das bedeutet ihr müsst entweder eure Kurbel in die USA schicken (Stages und 4iiii sitzen in den Staaten) oder ihr kauft eine komplette Kurbel mit Sensor. Dennoch wird diese Option euren Geldbeutel schonen. Die Preise für die Powermeter beider Hersteller beginnen etwa bei 250-300€ (Stand Anfang 2021). Je nach Kurbel selbstverständlich, denn eine Dura Ace wird deutlich mehr kosten als eine Shimano 105 Kurbel.

Insgesamt sind diese Optionen seit Jahren erprobt und werden von Profi-Teams eingesetzt. Keine schlechte Option um den passenden Leistungsmesser für euer Rad zu finden. Zumal die Kurbeln auch schnell und einfach gewechselt werden können. Beide Hersteller bieten auch beidseitige Messung an, das wird dann aber entsprechend teurer.

Pedale, Startups und nicht gehaltene Versprechen

Immer wieder poppen auch Startups mit entsprechenden Kickstarter Kampagnen auf dem Radar auf. Zutaten dieser sind unhaltbar günstige Preise und andere Marketing-Etiketten. Der erfolgreichste Anbieter war iQ-Square, deren Powermeter-Idee 2017 (oder 2018?) durch die Decke ging. Es wurden Millionen eingesammelt um den kleinsten und günstigsten Powermeter der Welt zu bauen. Noch immer befindet sich dieser im Bau. Etwa so wie der Flughafen BER.

Ausgeschlossen ist es nicht, dass iQ-Square irgendwann das Produkt auch tatsächlich auf den Markt bringt. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit mittlerweile sehr gering. Da ich das Projekt auf Kickstarter unterstützt habe bekomme ich bis heute Infomails zum aktuellen Entwicklungsstand. Und ja, es bewegt sich noch heute jeden Monat etwas. Es gab sogar 2020 die ersten Exemplare in freier Wildbahn. Auch DCRainmaker hatte ein Review geschrieben: iQ-Square Powermeter.

Ein Prototyp der iQ-Square Powermeter Pedale.

Das ursprüngliche Design (ein Sensor, der zwischen Pedale und Kurbel geschraubt wird) wurde im Laufe der Zeit verworfen. Stattdessen hat iQ-square jetzt Pedale im Angebot, wie alle anderen Anbieter. Jedoch zu einem Kampfreis von rund 200€ (siehe iQ-square Shop). Online kann man diese Powermeter auch vorbestellen. Es ist aber Vorsicht geboten, wann und ob diese auch das Licht der Welt erblicken.

Andere günstige Optionen die zu erwähnen wären, sind beispielsweise die Favero Assioma Uno Pedale (einseitige Messung, basierend auf der Pedal-Spindel). Mit knapp 400€ ist diese Option aber noch immer deutlich über den anderen vorgestellten Lösungen.

Kennt ihr noch mehr Optionen um die Einstiegskosten gering zu halten? Oder haltet ihr nichts von Sensoren die eine systembedingte Ungenauigkeit mitbringen? Dann schreibt einen Kommentar! Das Thema „Präzision vs Genauigkeit“ hebe ich mir für einen späteren Beitrag auf.