Marketing schafft es ganz elegant Punkte unter den Teppich zu kehren, die manchmal erst nach längerem Testen ans Tageslicht kommen. So auch der Fall bei den Aerothan-Schläuchen von Schwalbe. Eine große Entwicklung des deutschen Herstellers. Doch nach einigen Monaten des Testens machen sich ein paar Schwächen bemerkbar. In diesem Langzeitberichte zeige ich ob das teure Preisschild mit den damit verbundenen Erwartungen übereinstimmt.

Wir berichteten…

Im Beitrag zu Rennrad Fahrradschläuchen hatte ich den Aerothan-Schlauch vorgestellt. Damals noch etwas unvoreingenommen und ohne weiter ins Detail einsteigen zu können. Zugegeben, da war der Hype um den neuen Schlauch auch etwas groß. Das Marketing stellte einige Punkte in den Vordergrund: Leichtigkeit, Leichtläufigkeit, recyclebarer Rohstoff und Pannensicherheit waren die primären Kriterien. Dabei vielen aber einige Punkte vom Tisch.

Bei näherer Betrachtung muss man nämlich in folgenden Kategorien auch noch Mal genauer hinsehen. Pannensicherheit: nicht so wie man es sich wünscht; Details: Fehlende Verschraubung am Ventil und Dichtheit: wie gut hält der Schlauch die Luft.

Diese Punkte möchte ich in diesem Langzeittest im Detail beleuchten. Denn wie auch anderen Kunden diese Schlauchs sind mir die kleinen aber feinen Nachteile bereits im Alltag begegnet. Aber nicht alles ist schlecht, weshalb ich natürlich auch einige positive Punkte zum Schluss erwähnen möchte. Und ob ich den Schlauch weiter empfehlen würde.

Die Schwächen des Aerothan

Die wesentlichen Stärken und Marketingversprechen werden erfüllt, was Leichtigkeit und so weiter angeht. Die andere Seite der Medaille sieht aber wie folgt aus. Kleinere Details wie folgende fallen auf den ersten Blick nicht auf. Sind aber nicht zu verachten.

Fehlendes Ventilgewinde

Schläuche werden über Ventile mit Luft versorgt. Diese Tatsache macht jeden Schlauch aus, hier hat Schwalbe das Rad auch nicht neu erfunden. Jedoch auf ein Detail nicht so viel Wert gelegt. Nämlich das Außengewinde am Ventilschaft. Hier wird normalerweise eine Mutter aufgezogen, welche das Ventil an der Felge fixiert.

Egal ob Dunlop, Sclaverand oder Schrader – alle Ventiltypen haben ein Gewinde am Schaft. Also praktisch am äußeren Körper, denn hier wird eine Mutter aufgezogen um das Ventil zu sichern.

Schwalbe hat dieses Gewinde am Aerothan weggelassen. Das Ventil hängt nur noch in der Felge, kann sich aber theoretisch rein und raus bewegen. Ist meist nicht weiter schlimm. Auch zwecks Sicherheit kein relevanter Aspekt.

Kein Gewinde – Keine Probleme? Mitnichten. So ganz ohne Zweck ist das Gewinde auch nicht.

Der Grund warum man auf dieses Gewinde verzichten kann ist denkbar: das Ventil wird durch den Druck im Schlauch und Mantel sowieso nach außen gedrückt. Die Mutter zieht das Ventil auch nur in die gleiche Richtung und hat im pannenfreien Zustand keine Aufgabe. Doch wehe etwas läuft schief…

Zwei Szenarien sind denkbar, wenn diese Sicherung doch praktisch ist. Einmal beim Aufpumpen. Die Mutter fixiert das Ventil und das Aufpumpen fällt leichter, wenn das Ventil nicht in der Felge verschwindet. Bei einigen Standpumpen kann das also durchaus ein Problem werden. Noch schlimmer wird es bei Hochprofilfelgen, also Rennradfelgen mit einem hohen Profil von 40mm und mehr. Wenn der Schlauch nun platt ist, dann kann das komplette Ventil im schlimmsten Fall einfach in die Felge rutschen. Und dann muss man kreativ werden.

In Hochprofilfelgen kann das Ventil einfach verschwinden, wenn man die Pumpe aufsetzt. Ohne Mutter wird das Ventill nicht fixiert.

Dieser Aspekt wirkt wie ein nett gedachtes Feature, das Gewinde ist für die meisten Rennradfahrer auch wirklich unnötig. Viele fahren die Ventile sowieso schon immer ohne diese Sicherungsmutter. Doch darauf komplett zu verzichten? Kaum zu erklären, warum man diese Option allen Radfahrern vorenthält. Eventuell hilft folgende Beobachtung noch weiter.

Beim Einsetzen des Aerothan Schlauchs wird man feststellen, dass das Ventil kaum durch die Bohrung der Felge passt. Bei 3mm liegt normalerweise die Nennweite der Bohrung. Das Ventil vom Aerothan Schlauch misst aber 3,2mm … ist das in den Toleranzen untergegangen? Oder eine beabsichtigte Modifikation von Schwalbe?

Eventuell ist diese Übergröße dafür gedacht, dass beim Aerothan Schlauch das Ventil sicherer in der Felge sitzt. Statt auf ein Gewinde zu setzen. Das ist jetzt aber Spekulation.

In jedem Fall ist das dickere Ventil des Aerothan dafür verantwortlich, dass man den Schlauch nur mit etwas Gewalt (oder eben etwas mehr Kraft als üblich) in die Felge drückt. Beim ersten Mal war ich auch denkbar verwirrt, was denn hier nicht passt.

Dichtheit

Wie gut halten die Seitenwände des Thermoplastischen Polyurethan die Luft auf Dauer?

Der Aerothan Schlauch ist ein Kunststoffgemisch, genauer gesagt thermoplastisches Polyurethan. Was im Prinzip dem Tubolito sehr ähnlich ist, denn auch dieser Ultraleicht-Schlauch bezeichnet zumindest auf der Werkstoffebene den gleichen Inhalt. Hier heißt es dann einfach „Thermoplast“, wo genau der Unterschied liegt kann bestimmt ein Chemiker beschreiben. Eine Gemeinsamkeit haben aber alle Schläuche.

Nach und nach verlieren Schläuche einfach Luft. Da diese über Tage und Wochen über die Wände, Ventil oder kleine Löcher entweicht. Je nachdem ob der Schlauch aus Latex, Butyl oder eben einem hochgezüchteten Werkstoff besteht. Alle verlieren Luft.

Ein Latexschlauch verliert diese sehr schnell. Nur wenige Tage kann ein hoher Druck von 7 und mehr Bar gehalten werden. Butyl schlägt sich ganz gut, hier kann die Luft mit am längsten gehalten werden. Je nachdem wie dickwandig der Schlauch ist. Rennradschläuche verlieren entsprechend schneller die Luft. Doch was ist mit thermoplastischem Polyurethan?

Auch hier entweicht Luft. Einige Besitzer machen es dem Schlauch gleich und verschaffen sich Luft in Reviews und Social Media. Tatsächlich verliert der Aerothanschlauch auch schnell Luft. Nicht so schnell wie Latex, aber doch spürbar. Da ich generell eher mit niedrigem Luftdruck fahre (unter 5 Bar) fällt mir das nicht so stark auf. In meinem Test war das kein so relevantes Kriterium. Es musste nur etwas häufiger nachgepumpt werden als bei einem Butylschlauch.

Pannensicherheit

Zuletzt der für mich gravierendste Punkt. Denn hier läuft Marketing und Ergebnis doch etwas auseinander. Versprochen wird ein Schlauch der sehr Pannensicher ist. Stiche durch den Reifen sollen dem Schlauch nicht zusetzen, da das Material fester und gleichzeitig flexibler ist als Butyl. Im Ergebnis soll der Schlauch weniger anfällig sein für solche Durchstiche. Doch in der Praxis ist das alles nicht so einfach.

Ob der Schlauch nun besser oder schlechter gegen Stiche geschützt ist kann ich nicht bewerten. Dazu muss unter Laborbedingungen der Schlauch entsprechend getestet werden. Doch sobald der Schlauch ein Loch hat wird es schwierig, eben unter reellen Bedingungen.

Schließlich kann man den Aerothan nicht einfach mit Vulkanisationsmittel und einem Flicken wieder dicht bekommen. Stattdessen benötigt man spezielle Flicken. Die Glueless-Patches von Schwalbe. Welche sowohl für Butyl als auch für den Aerothan-Schlauch laut Hersteller ausgelegt sind. Doch funktioniert das?

Ich hatte selbst noch nicht das Vergnügen einen Aerothan flicken zu müssen. Diese Schläuche fahre ich jetzt etwa 2.000km seit ein paar Monaten. Einen Platten hatte ich aber noch nicht. Doch die Meinungen im Netz sind eher negativ. Berichtet wird, dass die Flicken nicht ordentlich am Schlauch kleben. Oder eben nicht dicht halten. Das klingt wenig vielversprechend. Gleichzeitig kann ich diese Meinung nur so wiedergeben und nicht aus erster Hand berichten. Also habe ich einen kleinen Feldversuch gestartet.

Natürlich wollte ich jetzt nicht unnötig ein Loch in den Aerothan-Schlauch machen. Aber zumindest einen Glueless-Patch kann man ja aufbringen um zu sehen, wie gut dieser auf dem Schlauch hält.

Hier hatte ich zumindest keine Probleme. Der Flicken klebt super und soll sowohl für Aerothan als auch für Butyl funktionieren. Beim Aerothan muss man auch nicht den Schlauch mit Schleifpapier anrauen. Nun wollte ich den aufgetragenen Flicken testen. Indem ich den Schlauch aufpumpe um zu sehen wie sich an der verklebten Stelle der Flicken und Schlauch verhält. Doch das ging schief.

Mit einem lauten Knall ist mir der Aerothan um die Ohren geflogen. Gerade als ich noch bei niedrigem Luftdruck war (zwei bis drei Mal mit der Standpumpe gepumpt). Mir bleibt ein Pfeiffen in den Ohren, weil der Knall doch sehr laut war und auch unerwartet. Man darf scheinbar diese Schläuche nicht außerhalb eines Mantels aufpumpen. Da das auch sehr schnell passiert ist, wäre auch Vorsicht geboten wenn man den Fahrradschlauch zum Prüfen eines Flickens aufpumpt.

Der Punkt bleibt also weiter zu beobachten sein. Denkbar ist es durchaus, dass an dem Werkstoff des Aerothan die Flicken nicht ganz so gut halten, validieren kann ich das nicht. Die Nachteile sind kurz zusammengefasst aber:

  • spezielle Flicken werden benötigt
  • Aerothan Schlauch darf nur im Mantel aufgepumpt werden
  • Flicken Haltbarkeit und Funktion laut anderen Reviews nur bedingt gegeben

Stärken des Aerothan

Nicht nur schlechtes gibt es vom Schlauch zu berichten. Ich persönlich mag den Aerothan durchaus sehr gerne. Denn er ist ultra leicht, super kompakt und leichtläufig. Diese Eigenschaften werden dem Marketing in jedem Fall gerecht.

So habe ich mir auch mein Ultra-Leicht Rennradkit gezielt mit einem Aerothan-Schlauch vervollständigt. Anders wäre ein so kleines Packmaß gar nicht möglich. Mehr dazu lest ihr in folgendem Beitrag.

Mein Fazit

Persönlich bleibe ich dem Aerothan erst Mal treu. Noch hatte ich damit keine Panne (bis auf das Erlebnis beim Aufpumpen ohne Reifen) und die negativen Aspekte überwiegen für mich nicht. Das kleine Notfall-Kit fürs Rennradfahren ist schon sehr praktisch. Man muss aber darauf achten, dass man auch die speziellen Glueless-Patches von Schwalbe für die Panne dabei hat. Und im besten Fall noch einen Butyl-Schlauch, falls die speziellen Flicken doch versagen.

Wer aber mit Hochprofilfelgen unterwegs ist sollte es sich genau überlegen, ob das fehlende Gewinde ein Problem werden könnte. Auch kann man in manchen Situationen vor einem Problem stehen, wenn die Pumpe nicht am Ventil greifen kann. Da sollte man also unbedingt aufpassen und die Kompatibilität vorher prüfen, bevor man in der Pampa steht und den Schlauch nicht mehr aufgepumpt bekommt.